AUS EINEM VERFALLENEN DENKMAL WIRD EIN SCHMUCKSTÜCK


Ein Keinod mitten in Harburg:

„Mich freut es, dass hier mal die Harburger Tradition, alles abzureißen, durchbrochen wurde“, meinte Dirk Mecklenburg, Fraktionsgeschäftsführer der Grüne/GAL-Fraktion im Jahr 2000. Diese Meinung hatte er nicht immer. Umso schöner, wenn sich am Ende doch alles zum Besten wendet und aus einer verfallenen Bauruine ein wunderschönes architektonisches Kleinod entsteht. Aber lassen sie mich die Geschichte des historischen Handwerkerhauses in der Schorchtstraße von Anfang an erzählen.

Gebaut 1849 durch den Maurermeister Georg Nicolaus Meyer wurde es im Juni 1849 an den Schiffszimmerergesellen Peter Lauer verkauft. 1899 ging es in den Besitz eines Tischlergesellen über, bis es schließlich mein Vater Wilhelm Matthias Oest kaufte. Am 28. August 1984 wurde das historische Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt und in die Denkmalliste eingetragen. Im September 1998 übernahm ich das Haus von meinem Vater. Natürlich war mir der Verfall schon immer ein Dorn im Auge gewesen und so entschloss ich mich, das Fachwerkhaus Stück für Stück in seinem alten Glanz wieder auferstehen zu lassen.

Kurz entschlossen wandte ich mich an das Denkmalschutzamt mit der Bitte um Unterstützung bezüglich einiger Fördermittel und möglicher baulicher Maßnahmen. Erstaunlich aber wahr wurde nahezu im selben Augenblick auch die Öffentlichkeit in Person des GAL-Abgeordneten Herrn Dirk Mecklenburg auf den zunehmenden Verfall des Hauses aufmerksam. „Geräusche, Ungeziefer – ein Denkmal verfällt“, so titelte damals das Elbe Wochenblatt auf seinen Anruf hin. Ob der direkte Ausblick aus seinem Parteibüro auf das Haus damals für Herrn Mecklenburg eine Rolle spielte, lässt sich nur vermuten.

Unbeeindruckt von dieser wenig hilfreichen „Unterstützung“ machte ich mich daran, zusammen mit Herrn Moreno-Fernandez vom Denkmalschutz eine Rettungsstrategie für das stark verfalle Gebäude zu entwickeln. Wichtigster Bestandteil war eine gründliche Bestandsaufnahme inklusive der Feststellung aller Schäden, einem Holzgutachten und einer Untersuchung der Farblichkeit. Zusätzlich wurde das gesamte Gebäude vermessen.

Als wir mit den eigentlichen Baumaßnahmen begannen, zeigte sich das gesamte Ausmaß des Verfalls. Fachwerk und Deckenbalken waren verrottet, ringsum lag Müll, Ungeziefer tummelte sich überall. Also wurde zuerst gründlich entrümpelt. Dabei haben wir sogar einige interessante Dinge wie historische Scherben, altes Spielzeug und eine Zwischenwand aus dem Jahr 1860 gefunden.

Nach dem Entrümpeln wurden Teile des Kellers neu gemauert und erweitert. Dann wurden das gesamte tragende Fachwerk, die Fassade und die kompletten Innenräume durch altes, gesundes Eichen-Fachwerkholz und Fichten-Deckenbalken ersetzt. Zusätzlich wurde fast jeder Stein aus den Mauern herausgenommen, geputzt und wieder eingesetzt.

So wurde das Haus, soweit es überhaupt machbar war, wieder im Originalzustand hergestellt. Gut zwei Jahre dauerten die Umbaumaßnahmen. Das Denkmalschutzamt besichtigte das instand gesetzte Gebäude und sprach ein ausdrückliches Lob aus. Da der historische Eindruck weitestgehend wieder hergestellt und die Forderungen des Denkmalschutzamtes erfüllt waren, stand einer Abnahme des Gebäudes im Januar 2001 nichts mehr im Wege.

Natürlich ließ es sich auch Herr Mecklenburg von der GAL nicht nehmen, sich zur offiziellen Neueröffnung von den vielen historischen Details und dem perfekten Zustand des Hauses begeistern zu lassen. Das wir uns heute stets freundlich grüßen, bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung.

Ich bin sehr stolz, fast alles mit meinen beiden Söhnen und vielen Freunden in Eigenarbeit geleistet zu haben. Ein so altes Haus mit eigener Hände Arbeit zu restaurieren und Stein für Stein zu bauen ist ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis.

Am Widerstand der Nachbarn scheiterte leider meine Idee, im Haus eine öffentliche Teestube einzurichten. Daher ist das Haus seit April 2003 vermietet und nur von außen für die Öffentlichkeit zu bewundern. Eigentlich schade…